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In drei Schritten und sechs Kronen zum Luxusbordell

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Am 24. August stellte der Bundesverband sexuelle Dienstleistungen e.V. (BSD) das “BSD-Gütesiegel” vor. Mithilfe von diesem Siegel will der Verband ein Qualitätsstandard für Prostitutionsstätten schaffen und das Schmuddel-Image von Bordellen, Bars und Co bekämpfen. Außerdem ist das Gütesiegel auch eine politische Antwort auf das aktuelle Prostituiertenschutzgesetz (ProSchG), was am 1. Juli in Kraft getreten ist. Hintergründe zum BSD-Gütesiegel und was sich in den ersten zwei Monaten getan hat, soll in diesem Artikel behandelt werden.

Das BSD-Gütesiegel ist keine neue Idee. Schon seit der Gründung des BSD im Jahr 2002 wurden erste Voraussetzungen für ein Qualitätssiegel für Prostitutionsstätten diskutiert. Prostitutionsstätten sind unter anderem Wohnungsbordelle, Laufhäuser, Bars, Clubs und FKK-Wellness-Oasen. Also überall, wo sexuelle Dienstleistungen angeboten werden. Die Sexarbeiterin, Aktivistin und erste Vorstandsvorsitzende des BSDs Stephanie Klee erklärt: “[das BSD-Gütesiegel] spricht sich klar für die Seriosität aus. Dem Bordellbetrieb wird immer wieder vorgeworfen, alles werde einhergehen wie Sodom und Gomorra und Kriminalität und die Bordellbetreiber sind die größten Ausbeuter”. Des Weiteren erklärt sie, es gehe darum, “ein Zeichen zu setzen. Hier werden gute Arbeitsbedingungen zur Verfügung gestellt. Es ist für dich [als Sexarbeiter_in] möglich mit deinem Köfferchen zu kommen und dort zu arbeiten, weil alles andere da ist”. Insbesondere für Sexarbeiter_innen, die keinen eigenen Betrieb leiten wollen, sei ein gutes Arbeitsumfeld wichtig. “Die wollen sich keine Gedanken machen, ob die Miete gezahlt ist, ob das Wasser funktioniert, ob die Werbung geschaltet ist. Die wollen kommen und – Zack arbeiten”. Doch was unterscheidet eine gute Prostitutionsstätte von einer schlechten? Hier lohnt es sich, die Kriterien des Gütesiegels genauer anzuschauen.

Stephanie Klee ist längjährige Sexarbeiterin und 1. Vorstandsvorsitzende des BSD.

In drei Schritten zum seriösen und luxuriösen Bordell

Der BSD hat ein dreistufiges System entwickelt, wovon die erste Stufe seit August umgesetzt wird. In der ersten Stufe soll sichergestellt werden, dass der Betrieb die Mindestanforderungen erfüllt. Diese orientieren sich sowohl an die eigenen Qualitätsstandards des BSDs, als auch an die Anforderung des Prostituiertenschutzgesetzes. Um als bordellartiger Betrieb das Gütesiegel beantragen zu können, müssen Betreiber_innen die Stammdaten des Betriebs für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Dazu gehört beispielsweise die Kontaktdaten der Betreiber_innen. Darüber hinaus müssen Angaben über die Ausstattung des Betriebs gemacht und eine Selbstverpflichtungserklärung unterschrieben werden. In der Erklärung bekennen sich die Bordellbetreiber_innen, dass in dem Betrieb keine Gewalt und Kriminalität stattfindet. Der Betrieb wird auch darauf geprüft, ob er sich an den gesetzlichen Rahmen des ProSchG hält. Stephanie geht mit mir die Kriterien einzeln durch: “Zu den Mindestanforderungen gehören, dass die Arbeitsräume – also da wo die sexuellen Dienstleistungen stattfinden – von Außen nicht einsehbar sind”. Die diplomierte Sozialarbeiterin und Verwaltungswirtin wirkt entrüstet. “Das ist für uns selbstverständlich. Ich kenne keinen Prostitutionsbetrieb wo man von außen dem Geschehen folgen könnte”. Außerdem müssen “die Türen von innen zu öffnen” sein, “geeignete Aufenthalts- und Pausenräume geben” und “individuell verschließbare Aufbewahrungsmöglichkeiten” vorhanden sein. Weitere Selbstverständlichkeiten nach Stephanie. Außerdem soll es im Betrieb ein sachgerechtes Notrufsystem geben. Hier zeigen sich erste Probleme im Gesetzestext. Stephanie kommentiert folgt: “Da machen wir ganz große Fragezeichen, weil das ungeklärte Rechtsbegriffe sind. Was ist fachgerecht? Was ist ein Notrufsystem?”. Darüber hinaus hält sie ein “fachgerechtes Notrufsystem” für unpraktisch. In der Praxis kann Sexarbeiter_innen in einer bedrohlichen Situation schneller geholfen werden, wenn sie nach den Kolleg_innen nebenan rufen, als beispielsweise einen Knopf zu drücken und darauf zu warten, bis die Polizei im Betrieb erscheint. Ein weiteres Problem beim Erstellen der Qualitätsmerkmale zeigte sich im folgenden Punkt des ProSchG: Es müssen “angemessene Sanitätseinrichtungen” für Sexarbeiter_innen und Kund_innen geben. Da nach Stephanie Klee auch hier weitere Erklärungen fehlen, greift das Siegel auf eigene Standards des BSD zurück. Es muss Toiletten, Waschbecken und Duschen im Betrieb auffindbar sein, um die erste Stufe zu erfüllen. Weitere Ausstattung wie beispielsweise einen Whirlpool sind für Stufe zwei notwendig.

Verschließbare Schränke sind in einem guten Bordell Standard.

Stufe zwei und drei werden nächstes Jahr umgesetzt. Die Stufe zwei des Gütesiegel ist vom Hotel- und Gastgewerbe inspiriert: insbesondere Umfang und Qualität der Ausstattung wird bewertet. Ebenfalls in die Bewertung gehen die erotischen Dienstleistungen und der Service für die Sexarbeiter_innen ein. Eine Prostitutionsstätte bekommt in verschiedenen Kategorien eine Anzahl an Punkten und je nach erlangter Punktzahl, werden ein bis sechs Kronen vergeben. Je mehr Kronen ein Betrieb erlangt, umso höherwertig werde dieser eingestuft. Für Stufe drei plant der BSD ein unabhängiges Institut zu gründen, was in Zukunft die Bordelle unangekündigt und alle zwei Jahre kontrollieren soll. Wenn Betriebe nachlässig werden, sollen die Betreiber_innen ermahnt werden und Zeit bekommen, die bemängelten Punkte nachzubessern. Wenn die Mängel nicht beseitigt werden, nimmt sich der BSD heraus, das Gütesiegel wieder zurückzuverlangen und den Betrieb nicht mehr länger auf der eigenen Homepage zu bewerben.

Bordellbetreiber_innen und Sexarbeiter_innen sitzen an einem Tisch

Das Besondere am BSD-Gütesiegel ist, dass sowohl Bordellbetreiber_innen, als auch Sexarbeiter_innen zusammen an den Kriterien für das Gütesiegel gearbeitet haben. Anders als andere Berufsverbände, arbeiten Arbeitgeber_innen und Arbeitnehmer_innen eng zusammen. “Wir sind diesbezüglich etwas Besonderes. Erstens haben wir nie Zeit gehabt, unsere eigenen Verbände wirklich stark aufzubauen. Der BSD ist mit seinen 15-16 Jahren sehr jung. Zweitens, wir haben bei uns keine Angestellten, weil alle Sexarbeiter_innen Selbstständige sind und so auch arbeiten wollen. Von daher haben wir auch nicht diese Fronten – ich muss um höher Löhne oder ich muss um Urlaubsentgeld oder um Pausenregelungen kämpfen – wie es in anderen Berufsgruppen ist, sondern es geht eher darum, einvernehmlich zu klären, wie der Arbeitsplatz besser strukturiert werden kann.”, erklärt Stephanie diese ungewöhnliche Kooperation.

Wie funktioniert das Gütesiegel in der Praxis? Ist es für ein Bordell schwer diese festgelegten Kriterien umzusetzen? Welche Probleme sind bisher aufgetreten? Um diese Fragen zu klären, besuche ich Elke Winkelmann im Freudenhaus Hase. Sie ist eine ehemalige Sexarbeiterin und seit den 90er Jahren zusammen mit Simone Goretzki Betreiberin des Bordells im Berliner Wedding. Außen am Gebäude, gut erkennbar für Besucher_innen, ist die vergoldete Plakette zu sehen: “Freudenhaus Hase ist Mitglied im BSD e. V. und erfüllt die Mindestvoraussetzungen der Stufe 1 des BSD-Gütesiegels ”. Die Bordellbetreiber_innen öffnen mir die Tür, ich werde zum Aufenthaltsraums geführt, wo mir eine Wand aus verschließbaren Spinden ins Auge springt. Als ich Elke um ihre Einschätzung zum Gütesiegel bitte, erklärt sie mir: “Die Mindeststandards erfüllen wir auf jeden Fall, bei den Krönchen wird es schwieriger”. Warum, wird mir schnell bewusst, als wir später durch das Bordell gehen. Das Freudenhaus Hase ist auf zwei Hausflügel und die Zimmer auf jeweils drei Etagen verteilt. Die Gänge sind klein, die Zimmer variieren in der Größe. Ein Whirlpool würde hier definitiv keinen Platz finden. Die Stufe eins besagt, dass die Frauen im Freudenhaus Hase Zugang zu sanitären Anlagen haben. In den Zimmern finden sich kleine Waschbecken, nebenan sind Badezimmer mit Toiletten, Waschbecken und Duschen. In den Zimmer selbst finden sich die Betten, die entweder mal schwarz und mit Schnörkel oder aus rustikalem Holz beschaffen sind, daneben sind kleine Beistelltische. An den Wänden sind Spiegel, weil “die Kunden sich gern selbst beim Sex sehen”, erklärt mir Elke schmunzelnd. Die Räume im linken Flügel tauschen die Sexarbeiter_innen regelmäßig, weil manche der Räume größer sind als die Anderen und zur Zeit auch noch Umbauarbeiten stattfinden.

Gütesiegels des Freudenhauses Hase.

Zum Siegel gehört auch die Beratung und Fortbildung der Frauen. Beim Freudenhaus Hase beginnt dieser Qualitätsanspruch schon bei der Beratung von Interessierten. Bewerber_innen melden sich beim Freudenhaus Hase und bekommen einen Termin zum ersten Vorgespräch. Dabei werden die potentiellen neuen Mitarbeiter_innen von den beiden Bordellbetreiber_innen intensiv beraten. Mehrfach wird im Interview betont, dass die (potentiellen) Sexarbeiter_innen sich auch über die sozialen Konsequenzen bewusst sein müssen. Elke checkt dann zusammen mit Simone ab, inwiefern der Freundes- oder Familienkreis vom Berufswunsch weiß. Es kann passieren, dass “man vielleicht in Spandau wohnt und extra nach Wedding kommt, damit man nicht gesehen wird und dann denkt sich dein Nachbar vielleicht das Gleiche…”. Früher hat das Freudenhaus Hase auch Deutschkurse für Nicht-Muttersprachler_innen angeboten. Heute dürfen sie das nicht mehr, weil “es über das Mietverhältnis hinaus geht” und es zu Konflikten mit dem Finanzamt kam. Hier zeigen sich weitere Spannungen zwischen der Idee des Siegel (Fortbildung von Sexarbeiter_innen als Qualitätsmerkmal) und den realpolitischen Problemen (Steuerrecht und staatliche Sanktionen). Heute mieten externe Dienstleister_innen die Räumlichkeiten, um dort Fortbildungen durchzuführen.

Eines der Zimmer im Freudenhaus Hase.

Probleme des ProSchG und das Gütesiegel als Antwort darauf

Der steuerrechtliche Konflikt vom Freudenhaus Hase, als auch die von Stephanie Klee erwähnten Probleme beim Erstellen des Gütesiegels machen eines deutlich: Die Arbeit von Sexarbeiter_innen und Bordellbetreiber_innen wird von staatlichen Institutionen erschwert und teils auch verhindert. Viele Aspekte des ProSchG werden von der Branche und Aktivist_innen kritisiert und abgelehnt. Das BSD-Gütesiegel wiederum kann dazu dienen, gute und sichere Arbeitsstandards für Sexarbeiter_innen zu schaffen. Stephanie erklärt das wie folgt: “Den Sexarbeiter_innen wird signalisiert: Hier kannst du gut arbeiten, hier werden die Kriterien des Gütesiegels erfüllt. Das erleichtert den Sexarbeiter_innen natürlich die Akquise enorm. Sie müssen nicht immer nur auf das hören, was die Kolleg_innen sagen, sie müssen nicht ausschließlich im Internet rauf und runter recherchieren, sie müssen nicht rumtelefonieren”. Bordellbetreiber_innen werden wegen dem Wettbewerb motiviert, ihre Betriebe aufzuwerten. Die Kundschaft wiederum kann sich anhand des Siegels über das Bordell informieren und Sorgen abbauen. Wie gut das langfristig in der Praxis funktioniert, wird sich mit der Zeit zeigen.

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